
Erlebnis schlägt Bombast
Schachfernsehen ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit, auf allen Rohren strömt die Informationsflut über die Kanäle. Gerade erst ist die Weltmeisterschaft vorbei, schon folgt die Europäische Blitzmeisterschaft, dann die Weltmeisterschaft im Blitz und Rapid. Über Stunden plaudern die Moderatoren vor sich hin und wir sind angehalten, dem Redeschwall standzuhalten. Ein Format aber ist deutlich unterrepräsentiert! Ein Plädoyer.
Gleich vorweg: Ich liebe Schachfernsehen, aber irgendwann setzt der Überdruss ein, insbesondere, wenn aus der inspirierten Plauderei ein geschwätziges Tagesgeschäft wird.
Es muss zum WM-Match 2018 gewesen sein, als ich zur Abwechslung die Live-Übertragung von Worldchess.com auf dem Fernseher laufen hatte – allerdings ohne Kommentar und nur mit den Originalgeräuschen des Raumes, in dem sich Magnus Carlsen und Fabiano Caruana den Kampf um den Titel lieferten.

Das ist nicht die erwähnte Übertragung, die auch nur für einen geschlossenen Benutzerkreis angeboten wurde.
Diese Art der Übertragung ist heute eine Rarität. Die einzigen, die das nach meiner Kenntnis umsetzen, ist das Turnier in Wijk aan Zee, dem Top-Turnier des Jahres in den Niederlanden, die seit Euwe eine exzellente Schachtradition pflegen. Auch dort gibt es Flash-Interviews und Top-Kommentaren und „Oh my god!“-Momente, doch eben auch dieses Angebot, was vielleicht nur wenige wahrnehmen, aber dennoch für die Holländer spricht. Sechs Stunden und 21 Minuten! Halleluja.
Einen Fund machte ich 2021 auch auf dem YouTube-Kanal „Rapid Chess“. Dort hatte ich Arjun Erigaisi zum ersten Mal gesehen, bevor er zum Superstar in Indien aufstieg. Eine Schnellpartie mit GM Blohberger zeigt ihn still, konzentriert und es ist eine Freude, der Partie zu folgen. Auch die Partie der Veteranen Shabalov gegen Jusupow aus dem Sweschnikow-Memorial 2025 in Riga bringt ein absolutes Juwel.
Insbesondere, wenn man als Journalist tätig ist und gewohnt, an allen Ecken nach Informationen Ausschau zu halten, bietet der unmittelbare, unverstellte Blick auf das Zentrum des Geschehens ein willkommenes Refugium. Gerade weil es dort so ruhig ist. Wie sonst könnte sich Schach besser illustrieren lassen als mit diesen Edelbildern des Langzeitfernsehens?
Meine Töchter waren damals beide im Grundschulalter, sie teilten meinen Eindruck und setzten sich dazu. Natürlich hatten sie viele Fragen und erzählten von ihren Eindrücken, aber das sollte ein Vater natürlich begrüßen, anstatt über die Störung zu meckern.
Wie dem auch sei: Die Stunden vergingen, und es war eine Freude, auf diese Weise dabei sein zu können. Erlebnis schlägt Bombast.