Close

Neue Bücher: 16 auf einen Streich!

Vorgestellt werden:

Your Jungle Guide to Chess Tactics – Peter Prohaszka

Thinkers Publishing 2020, 518 S., 22,95 €

Das Taktikbuch des ungarischen Großmeisters Peter Prohaszka ist ein Glückstreffer.

Das Lehrbuch ist äußerst lesbar geschrieben und bietet sehr gute Beispiele – zahlreiche Übungen festigen das Verständnis der Materie. Empfehlenswerte Trainingslektüre für bedürftige Leser!

→ nach oben

Das Damengambit – Michael Prusikin

Schachreisen-Verlag 2021, 206 S., 24,90 €

Das Beben des “Damengambit”-Jahres und der dazugehörige Schachboom ist abgeklungen, erstaunlich wenig Bücher über das Abspiel sind erschienen. Ein besonderes Buch ist aber der Titel “Das Damengambit” des deutschen Großmeisters Michael Prusikin. Die Qualität ist erstaunlich: das Buch ist zwar vergleichsweise schmal, steckt aber voller Varianten, aber vor allem voller Ideen. Zudem bietet es darüber hinaus Repertoire-Vorschläge für Schwarz auf Systeme wie Englisch, 1.Sf3, Grobs Eröffnung, 1.b3 und was da sonst noch kreucht und fleucht. Fehlt noch 1.e4, aber das wäre wirklich vorbei am Thema in einem Buch übers Damengambit. Vielleicht mal einen Nachfolger mit einem schwarzen 1.e4-Repertoire ins Auge fassen, Großmeister Prusikin?

Die deutsche Ausgabe ist beim Schachversand Niggemann leider aktuell vergriffen – da heißt es suchen! Außerdem gibt es inzwischen auch eine internationale Ausgabe in englischer Sprache bei New in Chess für den gleichen Preis. Auch eine digitale Variante ist hier wünschenswert.

→ nach oben

How to Play Equal Positions – Vasilios Kotronias

Chess Stars 2020, 228 S., 21,95 €

Ein richtiges Studierbuch hat Vasilos Kotronias vorgelegt: Gleiche Stellungen spielen, was gibt’s dazu zu sagen? Gleiche Stellungen sind nicht unbedingt ausgeglichen, sondern können ungleich sein, aber in der Balance. Zu verwirrend? Wenn zum Beispiel Materialnachteil durch Aktivität ausgeglichen wird, kann die Computerbewertung durchaus 0.00 ausfallen, oder wenn sonst bestimmte Pluspunkte einen Nachteil kompensieren – man kennt es.

Kotronias geht die Sache systematisch an. Die Themen der Kapitel sprechen für sich:

  • Behandeln gleicher Stellungen ohne einen klaren Plan
  • Gleiche Stellungen mit der Wahl: Ausbruchsversuch oder einfach weiterspielen?
  • Standardweisheiten: Treffen sie auf ausgeglichene Stellungen zu, wo nicht viel los ist? Beispiele: “Es ist besser, mit dem falschen Plan zu spielen als gänzlich ohne Plan” und das “Angriff ist die beste Verteidigung”-Syndrom
  • Die Angst vor Abtausch bekämpfen
  • Langzeit-Vorteile
  • Zu starkes Pressing

Man sieht schon: Kotronias bietet gerade stärkeren Lesern ein reichhaltiges Angebot an praktischem Lernmaterial an und teilt darin viel von seinem vielfältigen Erfahrungsschatz.

→ nach oben

How To Out-Prepare your Opponent – Jeroen Bosch

New in Chess 2022, 416 S., 29,95 €

Eher ein Lesebuch statt Nachschlagelektüre: Der niederländische IM Jeroen Bosch ist den meisten als Autor der “SOS”-Reihe von New in Chess bekannt – gemeint ist die “Secrets of Opening Surprises”-Reihe, die in Artikeln und Büchern erschienen war. Magnus Carlsen ist ein bekennender Stammleser gewesen. Bosch hatte darin lustige, überraschende und trickreiche Abspiele jenseits des Mainstreams vorgestellt, zum Beispiel den frühen Zug …Ld6 im spanischen Vierspringerspiel.

In diesem Band jedoch nimmt der Autor, der das Schachspiel sichtlich liebt, uns mit auf die Reise seiner Suche nach den passenden Varianten für sich. Wir folgen ihm auf seiner Odyssee durch die Systeme und dabei stoßen wir vielleicht entgegen unseren Erwartungen auf lauter Hauptvarianten. In Kapiteln über Neuerungen, Eröffnungstaktiken, der Reihenfolge der Züge und über die Frage, in welchem Erfolgs-Verhältnis Überraschungsabspiele stehen zu erwartbaren, in die Tiefe einstudierten Varianten.

Das Buch steckt voller lebensnaher Beispiele durch ein sehr breites Repertoire und ist sehr empfehlenswert gerade für Leser, die gern über den Tellerrand schauen und sich für die Perspektive eines Allrounders interessieren, der so viel über Eröffnungsvarianten berichten kann, dass es eine Freude ist. Anregend ist auch die Betrachtung des Repertoires von Magnus Carlsen, die Bosch anbietet. Der Weltmeister selbst bekannte einst, früher habe er einfach wenig über die Varianten gewusst und diese einfach auch ohne viel Wissen gespielt. Das kann etwas Koketterie sein, aber wesentlich ist, dass es Carlsen häufig vor allem um spielbare Stellungen mit mindestens einer interessanten Wendung im Detail ging – im Gegensatz zu manchen Maximalisten, die schon aus der Eröffnung gewinnen wollen. Sehr interessant.

→ nach oben

The Match of All Time – Gudmundur Thorarinsson

New in Chess 2022, 240 S. (Hardcover oder kartoniert), 37,95 € / 27,95 €

Es gibt nicht mehr so viele Zeitzeugen, die vor fünfzig Jahren in Reykjavyk dabeigewesen waren. Boris Spassky lebt noch, aber von ihm ist nichts mehr zu hören und es ist zu befürchten, dass dessen Gesundheitszustand kritisch ist. Schon, als er 2015 bei der Blitz-WM als Ehrengast im Foyer des Kinos International saß, machte es auch ein wenig traurig, ihn so fragil zu sehen.

Nach der Netflix-Serie “Das Damengambit” wollte ich es dann genau wissen. Marcin Dorociński als Vasily Borgov applaudiert seiner Bezwingerin in Moskau nach seiner Niederlage im Finale (auch Liev Schreiber als Spassky in „Pawn Sacrifice“ von Tobey Maguire und Edward Zwick klatscht nach einer verlorenen Partie Beifall, diesmal erst nach dem verlorenen Match) und es ist eine Anspielung auf den WM-Kampf von 1972 in Island, als Spassky tatsächlich nach der verlorenen 6. Partie Beifall geklatscht haben soll. Fischer, sonst 1.e4-Spieler, hatte den Weltmeister in dessen Leib- und Magen-Variante, der Tartakower-Variante im Damengambit, komplett mit Weiß überspielt und der Titelverteidiger zollte dieser Leistung mit Applaus Tribut (und er hatte sich geweigert, Gellers Ratschlag zu berücksichtigen und einen Bauern für Initiative zu opfern, siehe Geller-Timman, Hilversum 1973).

Nun die Frage: war dies wirklich passiert? Eine Nachfrage bei Gudmundur G. Thorarinsson klärte alles: Ja, Spassky hat applaudiert. Es war also nicht nur Hörensagen.

Der Isländer hatte das Match nämlich organisiert und hatte mit diesen schrecklichen Allüren des Herausforderers zu kämpfen und hat, wie man heute sagen kann, gute Arbeit geleistet. Einzig Boris Spassky konnte sich vorwerfen, er sei zu nachgiebig in diesem Nervenkrieg gewesen. Man stelle sich vor, Fischer hätte es gegen Karpow mit dieser Show versucht. Er wäre wohl auf eine kalte Wand geprallt.

Die Erinnerungen von Thorarinsson sind angenehm zurückhaltend im Tonfall, eben so, wie man es von einem Skandinavier erwartet, und wir finden uns in diesem wertvollen Zeitdokument gedanklich mühelos in die Vergangenheit ein. Im Grunde glich sein Job einer Mission Impossible, und doch hat am Ende alles geklappt. Schön, dass er seine Sicht der Dinge aufs Papier gebracht hat.

→ nach oben

Endgame Strategy – Mikhail Shereshevsky

New in Chess 2022, 367 S., 34,95 €

Manchmal braucht man Glück: Die alte Sportverlag-Ausgabe des Buches “Strategie der Schachendspiele” von Mihail Shereshevsky war verschwunden, und antiquarisch waren die Preise für die 190 Seiten der vergriffenen Ausgabe einfach viel zu hoch. Es ist nicht nur das Lieblingsschachbuch von Andrew Tang (GM und Bulletgott, der sogar Stockfisch über die Zeit ziehen kann), auch Jan Gustafsson hat es sehr hoch in seinem Ranking eingestuft. Nun ist das Buch in einer neuen und gänzlich neu bearbeiteten Auflage bei New in Chess erschienen und in einem Vorwort bekennen auch Vladimir Kramnik und Evgeny Tomashevsky ihr persönliches Verhältnis zu diesem einst so schmalen Band, das mittlerweile zu einem veritabel dicken Buch angewachsen ist.

Als Shereshevsky vor fast vierzig Jahren das Buch herausgebracht hatte, war mit Computern und Schach noch nicht viel Staat zu machen und die Partien wurden nach dem 40. Zug abgebrochen, um diese später wieder aufzunehmen. Inzwischen ist der Autor eine wichtige Lehrkraft am russischen Sirius-Institut, wo Elite-Spieler ausgebildet werden und die Schachwelt ist eine ganz andere geworden.

Es gibt neben dem erfolgreichen Buch “100 Endgames you must know” natürlich auch noch das “Endgame Manual” von Dvoretzsky, das zu seinem Leidwesen auf Deutsch[nbsp] etwas hochtrabend “Endspiel-Universität” benannt wurde. In Shereshevskys Buch geht es um etwas anderes, nämlich um die vielen praktischen Entscheidungen, die im Endspiel der Situation vorausgehen, bevor es etwas formelhaft zu lösen gibt. Es gibt exakte Endspiele und es gibt praktische Endspiele. Eine Kategorie ist so wichtig wie die andere, aber die Behandlung praktischer Endspiele wird häufig unterschätzt und wir werden mit Begriffen wie “Positionsgefühl” und “Spielstärke” konfrontiert. Dabei gibt es dort sehr vieles, was sich vermitteln lässt. Shereshevskys Buch macht seinem Publikum den Zugang leicht.

Glücklicherweise hat das Buch die Auffrischung gut vertragen, es ist zeitgemäß geworden und hat doch seinen Charakter behalten. Unbedingt empfehlenswert.

→ nach oben

The Modernized Arkhangelsk – Viktor Erdos

Thinkers Publishing 2022, 408 S., 34,95 €

Eine “1.e4 e5”-Eröffnung sollte man als Schwarzer schon spielen können. Nur welche? Saizew-Spanier oder Breyer? Schliemann als Überraschung oder Tschigorin, und wenn: welche Art von Tschigorin? Petrosian oder Romanischin? Soll man den hyperkonkreten Marshall-Angriff wählen und ausgetretene Theoriepfaden bis ins Endspiel folgen oder will man eher eine praktische, unkonkrete Variante spielen? Überlegungen dieser Art kann man auch in dem empfehlenswerten Schmöker-Band “How to Out-Prepare your Opponent” von Jeroen Bosch finden.

Vor zehn, fünfzehn Jahren hatte die Archangelsk-Variante eine Auferstehung erlebt. Anand, Svidler, Shirov, Nakamura, Gashimov, Navara und viele andere spielten die schwarze Seite des Spaniers mit 5…b5 und 6…Lc5, und lange davor hatten Beljawski und sein Trainer Michaltschitschin ein schönes Bändchen über diese Variante veröffentlicht. In Berliner Kreisen machte Freerk Bulthaupt in den Neunzigern auf diese Variante aufmerksam.

Der ungarische Großmeister Viktor Erdos hat ein Buch über die moderne Behandlung der Archangelsk-Variante veröffentlicht. Es steckt sehr viel Arbeit drin – und gerade jene, die noch nicht auf den webbasierten Move-Trainer-Zug aufspringen möchten, finden in diesem Band aus dem Hause Thinkers Publishing eine willkommene Abwechslung und die Gelegenheit, die Varianten mit Brett und Figuren zu studieren.

→ nach oben

Caruana’s Ruy Lopez – Fabiano Caruana

New in Chess 2021, 206 S., 29,95 €

(Digital zu Print)

Als Fabiano Caruana für Chessbase drei DVD über den Spanier veröffentlicht hatte, war das schon mal ein echtes Ereignis. Als dann das Ganze als Buch herausgekommen war, gab es schon wieder eine Überraschung: Das ganze Material war in gedruckter Form auf kaum mehr als 200 Druckseiten zusammengeschrumpft! Also ein Buch von Fabiano Caruana über alle Abspiele im Spanier, und das auf 206 Seiten. Muss man haben.

Die Gründe: Ohne lange zu fackeln kommt Caruana in seinen weißen Repertoire-Vorschlägen auf den Punkt. Sucht man etwas gegen die Archangelsk-Variante, gegen die Steinizvariante oder gegen 3…Lc5: hier werden Sie bedient. Wunderbar praktisch ist das relativ schmale Buch auch als schnelles Nachschlagewerk – man nimmt es einfach in die Hand und hat gleich die passenden Seiten gefunden. Was ist nun besser: Buch oder Digitalformat? Am Schönsten ist alles drei zusammen, doch auch dann merkt man erst mit der Zeit, was wirklich gewinnt, weil wir dann mit einem dieser Formate am meisten arbeiten.

In der überaus theoriebeladenen Saizew-Variante empfiehlt Caruana übrigens den Einstieg in das vorerst letzte Wort auf Supergroßmeister-Niveau und gibt seinem Publikum, ausdrücklich sind die Clubspieler gemeint, den Rat, es Anand gleichzutun, der anno 2005 im argentinischen Weltmeisterschaftsturnier von San Luis (also nicht die Stadt in den USA) gegen Adams einen abenteuerlichen Angriff startete. Dieser Art Angriff ist in der Hauptvariante quasi implementiert, und wer das so nicht mit Weiß spielen will, muss dann eher etwas mit frühem d5 wählen wie Zoltan Almasi gegen Etienne Bacrot im Jahr 2000. Caruana schickt sein Publikum in einen Dschungel und gibt ihm den schönen Rat mit, sich möglichst ein paar Varianten am Computer anzuschauen. Optimistisch! Ganz anders geht Vasilios Kotronias in seinem Breyer/Saizew-Buch vor, aber das ist dann ja auch das erforderliche Spezialwissen.

Das Schöne an Caruanas Ausführungen ist, dass die Repertoirevorschläge sich nicht darin versuchen, die Varianten zu widerlegen (außer in offensichtlich schlechten Abspielen wie der Norwegischen Variante mit frühem …Sa5). Angeboten werden vielmehr Mittel, die den Weißen eine gute Spielidee auf den Weg geben und häufig bequem zu spielende Positionen ermöglichen. Also genau das, was benötigt wird, um die Schwarzen in eine unangenehme Situation zu bringen. Aber über die Saizew-Variante sollten wir trotzdem noch einmal reden.

→ nach oben

The Checkmate Patterns Manual – Raf Mesotten

New in Chess 2022, 374 S., 39,95 €

Digital zu Buch (Teil 2)

Als digitaler Web-Trainer ist der Titel erfolgreich auf der Website Chessable – und versuchsweise hat der Firmenverbund (Chessable und New in Chess und die Play Magnus Group wurde eins, dann wurde das ganze an Chess.com verkauft) den Titel als Buch herausgegeben. Bei New in Chess, dem eigentlichen Verlag in diesem Firmenverbund.

Das Buch selbst ist schön und hilfreich, und viele Kinder, überhaupt viele Lernende, werden dankbar sein, dass sie nicht alles am Computer lernen müssen, sondern dass es etwas gibt, das sie in die Hand nehmen können, das nicht flimmert und sie nicht mit E-Mail-Hinweisen oder Updates oder Chat-Nachrichten oder sonstwas stört, sondern sie in Ruhe lernen lässt.

Das Buch ist gut, keine Frage, und die farbigen Markierungen in den Diagrammen erleichtern das Verständnis. Mattmuster zu erkennen ist für den Lernenden auch etwas überaus wichtiges, und der Inhalt ist ja auch sehr gut. Die Frage ist, ob man die Effizienz in diesem Fall steigern kann, wenn man das ganze digital lernt. So hat auch Lichess zum Beispiel das Thema in Übungskapiteln aufbereitet und auch anderswo gibt es viel Studienmaterial. Dennoch: Vereine sollten dieses Buch für den Nachwuchs bereitstellen. Schulen ebenso und – als Anregung: wie wäre es mit einem ebenso dicken Kompendium über Bauernstrukturen? Leider ist das Buch nur auf Englisch verfügbar, hierzulande wird es wenige U8, U10 oder sogar U12 Spieler geben, die problemlos den Inhalt auf Englisch aufnehmen können. Die Übungsstellungen blind zu lösen wäre allerdings vom Buch durchaus möglich.

→ nach oben

The Dragon Sicilian – Anish Giri

New in Chess 2022, 244 S., 29,95€

Digital zu Print (Teil 3)

Noch so ein Experiment: Der Drachenkurs von Anish Giri auf Chessable ist jetzt auch als Buch erhältlich! Praktisch für jene, die keinen Move-Trainer wollen, sondern einfach nur ein schönes Buch, in dem sie schnell die Varianten nachschauen können.

Als Buch ist das Material überraschend dünn. Nun ist schwer zu bestimmen, wie viel Informationsmaterial verglichen zu anderen Giri-Kursen steckt, aber gemessen an dessen zweiteiligen 1.e4-Kurs oder an seinem Französisch- oder Najdorf-Kurs wäre ein dickeres Buch keine Überraschung gewesen.

Inhaltlich ist das so eine Sache mit dem Drachen. Wer als Schwarzer auf Theoriehaie stößt, hat eher weniger Freude am Drachen. Aber für welche Varianten gilt das nicht? Vielleicht für die Berliner Mauer.

Konkret: In der Haupthaupthauptvariante mit 9.0-0-0 hat Giri nichts dagegen, in das für Schwarz eher unattraktive Endspiel zu gehen, das Dariusz Swiercz gegen Daniel Naroditsky mit Weiß gewonnen hatte. Und dafür das ganze Studium? Das sollte doch wundern.

Die Partie wurde in der 3. Runde der US-Meisterschaft 2021 in St. Louis gespielt, die Stellung vor 28…a5 wurde drei Mal in Großmeisterpartien erreicht – drei Mal im Herbst 2021,

Dmitrij Kollars war dabei einer der Weißspieler. Das Buch erschien 2022 bei New in Chess. Als Chessable-Kurs war das Material schon früher verfügbar. Im Namensverzeichnis findet man nur Nakamura, Nataf und Nepomniachtchi, aber die Partie Swiercz-Naroditsky fehlt. Offenbar wurde die Partie erst nach Veröffentlichung des Online-Kurses gespielt.

Dort wurde das ganze an dieser Stelle diskutiert, sogar mit Reaktion auf der Website von Giri höchstselbst:

“This is one of the more critical variations indeed. Probably Dariusz also studied the course and found this to be a decent attempt to fight for an advantage. Daniel Naroditsky was fine, but some level of accuracy in the endgame is needed. 35…Bf2! guarding the pawn on c5 with the bishop was better. The rook on a7 does a good job keeping an eye on the a4 pawn, but also protecting the 7th rank and ready to swing to e7. 35…Ra5 put the rook in an awkward position, not to mention that after 36.Bb5 it no longer guards the c5 pawn. Very poor move, unfortunately.”

→ nach oben

Master Your Chess with Judit Polgar

New in Chess 2022, 508 S., 39,95 €

Digital zu Buch (Teil 4)

Spätestens, als Judit Polgar als offizielle Kommentatorin des WM-Matches Carlsen-Karjakin 2016 in New York wieder in die Öffentlichkeit zurückkehrte, war zu merken: Die Frau gehört da einfach hin! Ihre Bildschirmpräsenz ist gewinnend und an erster Stelle steht bei ihr der Inhalt – und wenn dann noch ihr Charme dazu kommt, so hat sie ihr Publikum längst für sich eingenommen.

Gemeinsam mit dem ungarischen Trainer András Toth hatte sie den dreibändigen Chessable-Kurs “Master Your Chess with Judit Polgar” herausgebracht. Geboten werden sehr praktische und hilfreiche Hinweise zu den klassischen Lehrthemen: Entwicklung, unangebrachtes Nachjagen von Material, Angriff, Verteidigung und überhaupt alles, was der Lernende über das Mittelspiel zu erfahren wünscht. Es ist allerdings kein Mittelspiel-Lexikon, sondern jedes Mal ein Handgriff in die Schatzkiste ihrer bewundernswerten Karriere.

Zur ihrem vermittelnden Talent kommt noch jenes des Trainers Toth dazu, und von seinem Tagesgeschäft wird der Star profitiert haben bei der Themensetzung, denn wer sonst als ein erfahrener Trainer kennt die Themen, die verlangt werden, so gut? Ein unschlagbares Duo, will man meinen.

Nun gibt es zwei bis drei Möglichkeiten, sich mit dem Material zu beschäftigen: als Chessable-Kurs, als Chessable-Kurs mit Video und als Buch. Als Chessable-Kurs ist das Material recht gut. Als Chessable-Kurs mit weitaus teureren Videos bekommt man Judit Polgar als fröhliche Lehrerin dazu, die munter und charmant plaudernd über taktische Kniffe, Tricks am Brett und lustige Geschichten rund um die gezeigte Partie ihre Zuhörer um den Finger wickelt. Ist schon witzig, wenn Tante Judit uns ein paar schicke Endspiel-Kniffe zeigt und sie dann immer wieder auf ihre Leidenschaft kommt: Okay, so geht also das Endspiel, aber jetzt zeige ich euch noch ein paar coole Taktiken.

Richtig lernen kann man von dem Material aber erst als Buch. Unterhaltung ist gut und schön, wir sind gern dabei. Aber am Buch lassen wir uns nicht berieseln und die lustigen Geschichten sind auch gelesen nicht schlecht! Es bleibt doch eher im Gedächtnis, was man sich nicht als passiver Zuschauer zu Gemüte führt.

→ nach oben

Improve Your Chess Calculation – R. B. Ramesh

New in Chess 2022, 332 S., 29,95 €

Wer kennt ihn nicht? Star-Trainer Ramesh RB, der den indischen Nachwuchs heranzieht wie ein Gärtner mit einem besonders grünen Daumen.

Nun hat er ein Trainingsbuch präsentiert für die Variantenberechnung. Es sind herausfordernde Stellungen aus praktischen Partien und wir sollen schrittweise in Positionen bestimmte Aufgaben erfüllen: gleich zu Beginn wird es schon haarig und wir gehen aus schwarzer Perspektive die Partie Frank Darnstädt gegen Markus Schäfer (Berlin 1993) durch. Immer wieder der Aufruf: So, jetzt diese Position. Fünf Minuten Zeit für den nächsten Zug. Berechne dies und jenes. Also eine gute Sache.

Mein größter Kritikpunkt an diesem Buch ist das Layout und die Systematik. Mit nur wenigen Handgriffen wäre aus der optisch wenig einladenden Strukturierung der Varianten wie A2122422 (im Vergleich zu A2122421, aber wo war die noch mal?) etwas Übersichtliches zu machen gewesen. So aber sieht das aus wie ein Buch von Robert Hübner, aber ohne Robert Hübner.

Das Material ist aber dennoch gut. Folgt man dem Trainer András Toth ist es sogar sensationell gut. Doch Vorsicht: Spieler unter 2000 sollten sich eher etwas anderes zum Variantenberechnen vornehmen, denn es sind schon derbe Nüsse zu knacken dabei.

Und wiederum die Formatfrage: Buch oder Chessable-Kurs? Eine Sache vorweg: Im Buch ist viel mehr Material vorhanden, sehr viel aus dem Buch wurde gar nicht ins digitale Format übertragen.

Dann: Ja, die Übersichtlichkeit am Bildschirm ist beim Lösen leichter. Da wird man sozusagen von hier nach dort navigiert und braucht gar nicht viel mehr zu tun als zu klicken. Doch der Webkurs ist schlecht aufbereitet und mit einem Mal finden wir uns in einem Alternativ-Abspiel, werden darüber aber gar nicht informiert und so weiter.

Dazu wird noch ein Video-Format angeboten, aber ich glaube, das kann man bedenkenlos übergehen. Ich sehe nicht, wie es beim Rechnen-Üben helfen könnte. Wir wollen schließlich keine Tipps, oder?

Es könnte sein, dass man als Leser merkt: Ich mag die Stellungen nicht. Allerdings kann es auch gut sein, dass man am Brett genau das gleiche denkt. Es kann nicht schaden, wenn man in dieser Situation zuvor schon mal geübt hat, Varianten zu berechnen. Turnierschach ist halt kein Ponyhof. Pro digital: Man braucht nicht so viel Aufmerksamkeit für die Navigation. Pro Buch: Mehr Studien-Material. Letztlich muss es jeder selbst ausprobieren. Was klappt besser bei mir? Buch oder digital?

→ nach oben

The Modernized Ruy Lopez Vol. 1 – Dariusz Swiercz

Thinkers Publishing 2021, 514 S., 24,95 €

Wann hat es so ein Großprojekt zum letzten Mal gegeben? Wahrscheinlich seit Alexander Khalifmans 13-bändiger 1.e4-Bibel. Für 1.e4 e5 hatte der Khalif ebenfalls zwei Bände benötigt, so wie das neue Werk aus dem Haus Thinkers Publishing jetzt. Der in St. Louis lebende Großmeister Dariusz Swiercz gilt als einfallsreicher Theoriehai, sehr oft kommt er gut aus der Eröffnung heraus.

Wie gewohnt hat der Verlag das Material sehr übersichtlich aufgebaut, und Swiercz wirbt (ebenso wie das Buch “Caruana’s Ruy Lopez”) darum, Italienisch, Läuferspiel, Schottisch und der dergleichen nicht aus der Not heraus zu spielen, weil Marshall-Angriff und Berliner Mauer den Spanier unspielbar gemacht haben.

Von den beiden genannten ist nur die Berliner Variante im ersten Band behandelt, neben den seltenen Abspielen und dem Offenen Spanier. Zur Berliner Verteidigung bietet Swiercz auch gleich zwei Abspiele an: 4.0-0 nebst Te1 und 4.d3. Auch wenn man kein Experte in der Berliner Verteidigung ist: die Fülle an angebotener Information ist merklich. Auch im Offenen Spanier bietet Swiercz zwei Abspiele an: 8.Sxe5 als Überraschungsabspiel und das normale 8.exd5, und da steckt natürlich mehr Wumms dahinter. Der polnische Großmeister hat zum Beispiel dieses Nebenabspiel 8.Sxe5 weitaus tiefer analysiert als zum Beispiel David Antón in seinem Chessable-Kurs. Gleich danach gab es eine Schnellpartie von Nakamura gegen Mamedyarov zu diesem Thema.

→ nach oben

The Modern Spanish – Breyer and Saizev Systems – Vasilios Kotronias

Russell Enterprises 2020, 352 S., 25,95 €

Wer sich mal so richtig tief in die Breyer-Variante eingraben möchte – oder schlimmer noch: in die Saizew-Variante des Spaniers, braucht nur bei der griechischen Legende Vasilios Kotronias nachzuschauen. Im Doppelpack werden in einem Buch gleich zwei Varianten abgehandelt. Zwei Mal eine gute Wahl, und wer damals “Bologan’s Ruy Lopez” ausgelassen hat (am besten noch mit “Bologan’s Black Weapons” – wenn Weiß nicht 3.Lb5 spielt), könnte hier oder bei Viktor Erdos mit dessen Archangelsker Abhandlungen fündig werden. Zuletzt war wohl im Gambit-Verlag etwas über die Saizew-Variante zu lesen, die – je nach weißem Geschmack, entweder früh durch Zugwiederholung Remis werden kann oder nach Khalifman-Manier eher einem ruhigen Najdorf-Abspiel gleicht, wo Weiß den Punkt d5 belagert oder ein messerscharfes Duell in einem Benoni-Abgrund wie es weiland Kasparow und Karpow bei ihren späten WM-Kämpfen auf dem Brett hatten.

Verglichen mit dem sehr schönen Band “Caruana’s Ruy Lopez” (New in Chess 2021) legt Kotronias erst dort richtig los, wo Caruana seine Leser mit der Partie Anand-Adams, San Luis 2005, allein lässt – und natürlich nimmt er den Turm und meint abschließend, Anands Idee sei für eine Partie gut gewesen, aber mehr auch nicht. So ist das eben: Die Stars zücken die Kaninchen aus dem Hut und die Normalsterblichen müssen sich im Nachgang dann an die Analyse machen, während die Überflieger längst woanders wirken.

In der Breyer-Variante geht es nicht gleich so konkret zur Sache, hier zählt ein gutes Gefühl für die Balance eher als die ultrakonkreten Abspiele anderer schwarzer Systeme. Untheoretisch ist die Breyer-Variante deshalb aber noch lange nicht. Uneins über die günstigen Zugfolgen ist Kotronias mit den Clubspieler-Empfehlungen aus “Caruana’s Ruy Lopez” erst im 18. schwarzen Zug in einer der wichtigsten Abspiele.

Ich wiederhole mich, aber ich finde, zumindest eine Variante in 1.e4 e5 Systemen sollte man[nbsp] mit Schwarz schon im Repertoire haben, und ob es nun diese beiden sind, oder jene zwei von Marin vorgeschlagenen oder die Archangelsker oder die Berliner Verteidigung oder der Marshall-Angriff: Dein Geschmack entscheidet! Oder etwas ganz anderes. Die Auswahl ist groß und reichhaltig. Mit diesem Buch macht man indessen nichts verkehrt.

→ nach oben

Cognitive Chess – Kontantin Chernyshov

Russell Enterprises 2021, 312 S., 26,95€

Das ist mal endlich ein Lehrbuch zu einem komplett unterbelichteten Thema: Visualisierung!
Es gibt verschiende Ansätze, die gedankliche Verbildlichung des Brettes zu üben. Selbst vermeintlich untalentierte Spieler kommen mit Training dabei entscheidende Schritte voran. Für den Hausgebrauch sei an die „Vorausdenken“-Reihe der Stappenmethode erinnert, aber diese Sonderhefte gibt es nur für die Stufen 2 und 3. Wer seinen lernenden Kindern etwas gutes tun möchte: diese beiden Hefte sind sehr empfehlenswert und helfen, die Visualisierungsskills der Kleinen zu fördern.

Der Großmeister Kontantin Chernyshov hat nun einen ordentlichen Wälzer mit rund 300 Seiten zum Thema veröffentlicht, und alle, die ihre Visualisungsfähigkeiten trainieren möchten, sind bei ihm goldrichtig. Sehr empfehlenswert.

→ nach oben

The Life and Games of Vasily Smyslov Vol 1

Russell Enterprises 2020, 536 S., 34,95 €

Eindeutig ein Liebhaberprojekt. Der allgemeine Trend macht es Titeln schwer, die aus Liebe zum Thema auf den Markt präsentiert werden (die beiden letzten Multibiografien von Andrew Soltis zum Beispiel, Smyslov kommt ebenfalls darin vor). Smyslovs Leben und Partien, gesammelt in einem schönen Hardcover. Peter Svidler bedankt sich im Vorwort für die Gelegenheit, ihm auf diese Weise etwas näher gekommen zu sein , auch wenn er den Weltmeister persönlich oft traf und sie sich gegenseitig grüßten.

Dieser Band handelt von den frühen Jahren – 1921 bis 1948. Vielleicht war der Russe der stärkste Turnierspieler und Praktiker seiner Zeit, was sich zum Beispiel auch in Zürich 1953 zeigte. Wikipedia berichtet, er sei von den späten Vierzigern bis in die frühen Achtziger – also fast 40 (vierzig!) Jahre, in den Top 15 der Welt vertreten gewesen. Nicht umsonst stand er 1984 mit 63 Jahren im Kandidatenzyklus im Finale gegen Kasparow, konnte diesem aber naturgemäß kein Hindernis auf dem Thron bieten. Kasparow selbst berichtet in der “Vorgänger”-Weltmeister-Serie nur Gutes über seinen Kollegen.

Er hatte erst sehr spät angefangen. Der Vater hatte eine große Bibliothek und der Junge lernte das Spiel mit acht Jahren. Doch erst viel später, wohl mit zwölf, begann er, Turnierschach zu spielen.

Die Klarheit der Spielanlage lässt oft an eine direkte Verwandtschaft mit Magnus Carlsen denken, auch die Vorliebe für unkonkrete Eröffnungen des Russen, aber das ist wohl Auslegungssache und sollte vielmehr von Carlsen selbst beantwortet werden. Und natürlich hat sich das Schach seitdem um Längen weiterentwickelt. Dennoch wäre es interessant, diesen Gedanken weiterzuführen. Vielleicht mit Hilfe des Buches “How to Out-Prepare Your Opponent” von Jeroen Bosch?

Wobei wir gerade bei dem Thema sind: Ratimir Kholmov und Vasily Smyslow waren zusammen 1965 zum Turnier in Havanna gereist. Via Telex spielte sogar Fischer mit. Eines Morgens war Kholmov nach einer Nacht mit Rum-Exzessen völlig erledigt und sollte gegen Fischer spielen. Kholmov war komplett hinüber, aber Smyslov half seinem Kollegen und zeigte ihm eine interessante Idee im Spanier. Kholmov gewann die Partie mit dem berühmten Figurenopfer auf d4.

→ nach oben

Die Titel wurden zur Verfügung gestellt vom Schachversand Niggemann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.